Pfarrei  St.Gerhard Heiligenstadt

Nachdenkliches von Pfarrer Ludger Dräger


Glaube und Moral


Unsere christliche Religion scheint nur noch aus einer Ansammlung guter Taten zu bestehen. Viele Predigten - ich hoffe, meine nicht! – sind ein stetiger Appell und eine fortwährende Erinnerung daran, das Gute zu tun. Mit solchen Aufrufen, so glauben auch unsere Bischöfe, ist man immer auf der richtigen Seite. Mitten im Advent, dem Weihnachtsfest entgegen gehend, haben diese Aufforderungen Hochkonjunktur. Allerdings ist dies längst kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Auch von weltlich – medialer Seite folgt ein Spendenmarathon auf den anderen. 

Das Christentum ist aber mehr als die Aufforderung zur guten Tat, die eigentlich selbstverständlich ist. Unser Glaube ist die Konfrontation mit dem ganz Anderen, mit dem Geheimnis, das wir Gott nennen. Da geht es nicht einfach um die gute Tat zur Aufhellung unseres Gewissens, sondern um die letzten großen Fragen des Menschen überhaupt.  

Es müsste in kirchlichen Kreisen (wie man so sagt) ein Entsetzen auslösen, dass diese Fragen von einem Großteil in unserer Gesellschaft mehr oder weniger gleichgültig beiseitegeschoben werden. Doch von diesem Entsetzen oder gar einer Erschütterung ist nichts zu spüren. .  

Dass Gott Mensch geworden ist, kann man nicht begreifen, so wie man überhaupt die Existenz Gottes nicht verstehen kann.  Es ist so, als riefe man in einen dunklen Raum hinein: Ist da jemand? Und wenn nicht gleich eine Antwort kommt, hat sich das Suchen erledigt. Es gibt ja auch sonst genug zu tun. Zur Existenz des Menschen gehörte immer, dass er beschäftigt war. Jetzt, so scheint es, ist er nur noch mit sich selbst beschäftigt. Der Facebook Nutzer, so war es jüngst aus dem Radio zu hören, ist wesentlich bemüht um Selbstdarstellung. Wie es „seinen Freunden“ geht, interessiert ihn letztlich nicht. Gott, also jemand der größer ist als er selbst, kann dort keinen Platz finden.

Was bleibt aber dann noch übrig von unseren christlichen Festen, unserer christlichen Kultur? Fast nichts, jedenfalls nichts, was wirklich den Kern unseres Glaubens beträfe.
Ich mag die alten Adventslieder. Die sprechen noch davon, was es heißt, wenn der Mensch von der Gegenwart Gottes ausgeschlossen ist, sei es durch Sünde und Tod; was es heißt, sich nach Erlösung zu sehnen, also in die Gemeinschaft mit Gott wiederaufgenommen zu werden.

Das mantra-artige Wiederholen des Wortes Barmherzigkeit hat unseren Glauben ein stückweit banalisiert und der Gleichgültigkeit anheim gegeben. Und so reicht es schließlich, die eine oder andere gute Tat vorzuweisen, denn der liebe Gott ist ja so lieb, da ist alle Angst verschwunden.
Der Apostel Paulus wagte noch zu sagen: Wirkt euer Heil mit Furcht und Zittern (Phil 2,12).
Na da…gäbe es heute sicher Ärger.

Ihr Pfarrer Ludger Dräger